Erholsam

sich aus allem raushalten. Keinen Resonanzraum zu verspüren beziehungsweise sich an den fehlenden Resonanzraum gewöhnt zu haben. Die Zuordnungen wirken willkürlich und falsch.

Schriftsteller bewegen sich am Rand ihrer selbst, Schriftstellerinnen werden einander zugeordnet und machen sich hier und da gegenseitig zum Vorwurf, dass sie unter sich bleiben.

Die Zuordnungen sind – separierend

Sie suchen ihre Einzigartigkeit und finden Vereinzelung. Wenn Literatinnen mit Literaten streiten über die Qualität ihrer Texte und Aussagen, so hat das kaum Rückkopplung mit dem, was auf den Straßen, in den Büros, in den Familien, auf dem Land, oder in Bus und Bahn Realität ist – die Zuweisungen sind auch hier eher illusorisch – sie sind unterwegs und verfehlen sich inhaltlich, beruflich, strategisch und gleiten aneinander vorbei.

Erholsam, sich aus all dem rauszuhalten.

Und sich über fehlerbehaftete Zuweisungen weniger Gedanken zu machen. Wenn du ehrlich bist: du warst immer am falschen Ort, im falschen Zug, im falschen Büro, am falschen Abendmahl. Mit den scheinbar richtigen Leuten.

Froh darfst du sein, dass sie miteinander beschäftigt sind und du nicht mit ihnen oder sie nicht mit dir.

Wenn du ein Cum Ergo erwartest, denk lieber nochmal über deine Erwartungshaltung nach – es scheint mir in diesen Breiten das Vorurteil oder der Wunsch, fehlerfrei zu sein, überhand genommen zu haben, es ducken sich die meisten weg und ziehen ein verwundertes oder beleidigtes Gesicht.

„Wenn ich ehrlich bleibe, wird man es mir noch danken.“

Meinte Ines. Das ist Jahre her. Wahrscheinlich versucht sie inzwischen, ihren Kindern so etwas wie authentisches Sein beizubringen, ein selbständiges Leben.

Selbständigkeit dabei verstanden als Abnabelung von den eigenen Kreisen, die Bezugspersonen wie Großeltern, Tante, Onkel, schon die Nachbarn könnten Gefahr bedeuten – aber: dachte ich in meinem Ohrensessel: das eigene Kind kann gar nicht früh genug Kontakt aufnehmen mit dem Außen der eigenen Kreise, nicht dass es mit der erlernten Ehrlichkeit dort draußen von denen dort draußen als zu ehrlich empfunden wird im Sinn einer Naivität oder im Sinn eines Vorlauten.

Seminare

Heringsdorf bei Fisch Domke

Ich war auf einem Literaturseminar und sollte mich erklären. Ich fing mit meinen Figuren an. Die, stellte sich heraus, nichts mit mir zu tun hatten.

Nach dem einwöchigen Seminar sollte ich mich noch einmal erklären. Da hieß es plötzlich, all meine Figuren hätten doch sehr viel mit mir zu tun. Sie wirkten wie aus einer einzigen Figur heraus gesprochen – die ich sein sollte.

Inzwischen suche ich Anschluss: zu mir und meinen Erfindungen – um mich herum. Die ohne die anderen (Figuren) nie stattgefunden hätten.

Wenn …

Das neue Kaufhof entsteht

… du mehr als eine Stunde deiner 88 Jahre alten Freundin zuhörst, wie sie erst kratzbürstig nüchtern, fast distanziert spricht, und sich doch noch erheitern lässt, war der Tag nicht umsonst.

Sie soll sich für morgen etwas Schönes vornehmen und ein bisschen Hoffnung mit in die Woche nehmen.

Wir wünschten uns eine gute Nacht und fast wie eine Entschuldigung bedankte sie sich dafür, dass ich ihr meinen Feierabend schenkte – das ist doch aber selbstverständlich, im Gegenteil, es war mir eine Freude, sagte ich. Ich danke dir für deinen Anruf, sagte sie.

Sie wird morgen wieder aufstehen und hoffen, dass ihr der Himmel nicht auf den Kopf fällt.

Jeden Tag ein bisschen Hoffnung mitnehmen aufs Ende zu – sie spürt es, sie lebt ihre letzten Tage und hofft, nicht verrückt zu werden. Und auch nicht arm. Ein paar Silberlinge habe sie heute einem alten Mann, der auf seiner Geige rumkratzte, in den Koffer gelegt. Darauf habe er seine Geige noch einmal angehoben und When the Saints Go Marching In gespielt – für sie

Wie rührend, sagte sie.

Horizontale Fluchten

Hat hier jemand Gesicht?

Power Marginalie

Kulturindustrie Paradigmenwechsel. Der Konsument übernimmt. Das Geschmacksurteil des Konsumenten ist mächtig, und stellt das Kunsturteil jeder Kritik in Frage, wo kann die Kritik ihren Platz finden, wenn nicht im Schatten eines Hauses an der Piazza, von wo aus sie das Treiben beobachtet und wie ein Detektiv Notizen macht.


Dem Schreiben mit differenziertem Schreiben begegnen. Geduld.


Das Kritische besteht aus einem literarischen Gedächtnis und der Bescheidenheit, das auszuhalten.

 

Kulturindustrie Paradigmenwechsel

 

Dein Ding dagegen, da verliert man sich und entscheidet sich für’s Nebenbei. Musst heute ein Buch schreiben so, als folgte es einem Plot oder Genre, so, als führte es Leute aufeinander zu und voneinander weg, bedenke noch die Kamera, sie will Schmerzen! Sie kann fliegen. Schreibe nie, wie es dein Brain will, immer so, wie es sich jemand wünscht, von dem du nicht weißt, was er sich wünscht − wie sollen wir Ihnen es heute servieren, wollen Sie es schädlich? Setze das in Anführungsstriche, so, als sei es eine Stimme von vielen, schreib es von dir weg, zu den Leuten hin, statt von den Leuten weg. Einem Selbstgefälligen dabei zusehen zu müssen, wie er das Gesicht in den Spiegel hält und darin einen Zeugen Gottes erkennt, will selbst dir nicht einleuchten. Hab mich verzoomt.

 

Zum Pensum des Tages:

 

eine Zusammenfassung der Monate vor der ersten Begegnung mit Lena auf hundert Seiten. Ich überfliege mehr als fünfzig Artikel, zweitausend Beiträge.

 

Begegnungen mit Franzi, Thomas, Sternkopf. Wie sie alle hießen. Sugarmurphy, Tamara, Die_Psychostatue, FräuleinShakespeare, Stefanie007, Blaue Orangen und Sternenbanner, Strohpinkler, Sitzpinkler. Springfluten und Seelenwandern. Ich vereinfache auf Lena und behalte den Überblick.

 

Mit der Revue kam der Abschied, hier und dort verschwanden Profile, dort wie hier erschienen Mitläufer und Kopisten, jenseits diesseits, reales wie virtuelles Leben, jeder therapiert jeden, mündige Bürger verstricken sich in sinnlose Gespräche über Glücks- wie Heilsversprechen, verfeinden sich mit ihren Verwandten und Nachbarn, finden neue Freunde im vermeintlichen Milieu, setzen alles auf eine Karte und verlieren ein Vermögen.

Neue Vokabeln finden Platz im Sprachgebrauch, vor der Glasscheibe der Moderne, du siehst sie versammelt und riechst nicht einen. Du siehst sie, hörst sie, bekommst sie nicht zu fassen, eine gläserne Trennwand, das Heroische nimmt Fahrt auf, das lässt sich steigern, das Innere nach außen gestülpt. Die Zerstreuung nimmt zu. Jeder glaubt, er sei authentisch, es heben sich die Unterschiede auf.

 

Man spricht von Kapitalismus und von Direktiven, von Sehnsucht Schmerz und Eisen. Ein Jeder sitze mehr als drei Stunden vor der Glaswand und sehe in ein schwarzes Loch. Beste Zeit für Jäger und Gejagte. Beste Zeit, die eigene Visage auf die Grundmauern deiner Existenz runter zu bügeln. Sich selbst zum Maß erklären, Fressen, Vögeln, Abführen. Beste Zeit, sich abzuschotten und Beobachterposten einzunehmen.

 

Ich sehe mehr als du denkst. Ich weiß mehr als du siehst. Ich hab‘ dich durchschaut. In dieser schönen Welt wartet jeder auf den Fehler des anderen. Die Freiheit des Jedermann, im Ichkorsett, per Selbstdefinition. Herr, Sie sehen zu viel fleischgewordene Ödnis, zwanzig Jahre Internet und die Anatomie des menschlichen Geschlechts stellt kein Geheimnis mehr dar. Spiel nicht mit seinem Schwanz, denn daran hängt ein Löwe.

 

Sitzt vor einem Haufen Fehlinvestitionen in Aktien, verschwendet die Hälfte seines Tages mit Beiträgen im Netz, sucht nach Hinweisen der Entwicklung an den Finanzmärkten, die Informationen widersprüchlich. Die Direktive aus Übersee steuert den Krieg im Nahen Osten, der Notenbankchef der Vereinigten Staaten spricht von Anzeichen einer Erholung, überlagert von geopolitischen Herausforderungen, gemeint ist der Krieg.


Das Rumklicken folgt den Widersprüchen, die Prognosen wie immer ambivalent, um nicht zu sagen schizophrenetisierend. Widersprechen sich. Jahresendrallye hier, Crash dort. Am Ende regeln es die Flöhe, die Möpse, die Granaten oder was noch alles Gold Geil und Geld ist. Sie spielen das Frage Antwort Spiel, wie sich Weltwirtschaft anfühlt − nach Rauch und Magenhieb und könnte Kotzen. Ich kann daraus nur ableiten, sie wollen dein Geld.


Einmal würde ich gern wissen, was du mir  bedeutest. Sie sprach nur von Geld.

 

Du willst doch nicht wieder durch meinen Garten trampeln – hier, hab was für dich, kümmer dich mal um Musik. Tu mir einen Gefallen und hilf ein bisschen mit.

 

Kulturindustrie Paradigmenwechsel

GEBÜNDELTE SEITEN

 

 

Ich check mich hier noch tot